Krisengewinner Factoring

15.09.2009 – Der Standard Online

Dem Forderungsverkauf haftet nach wie vor ein schlechtes Image an – was dennoch dafür spricht

Trotz erster Erholungsanzeichen ist die Krise noch lange nicht ausgestanden. „Die Zahlungsmoral der Unternehmen wurde nur auf den ersten Blick besser“

, kommentiert Gerhard Prenner, Vorstandschef von Raiffeisen Factoring die Meldung des KSV, dass Österreichs Unternehmen ihre Rechnungen heuer pünktlicher als noch vor einem Jahr zahlen würden. Die Giebelkreuzer sind seit dem Vorjahr in Sachen Factoring im Geschäft und laut Prenner nicht unbedingt zu einer schlechten Zeit eingestiegen. Bis Jahresende wollen sie einen Anteil von zehn Prozent am heimischen Markt halten

Auch wenn für 2009 für Österreich noch keine Zahlen vorliegen, sieht sich die Branche laut Prenner als Krisengewinner. In Deutschland sei Factoring um 47 Prozent angestiegen, auch wenn das Volumen insgesamt kleiner wurde: „Für fast ein Drittel der Klein- und Mittelbetriebe ist das ein Thema.“ Hierzulande sieht der Raiffeisen-Mann noch Potenzial und bekommt dabei auch Unterstützung vom Wiener Unternehmensberater Xaver Frotzler: „Die Banken werden Zessionskredite zurückfahren, Factoring wird als Form des Cash-Managements zunehmend zu den ‚normalen‘ Alternativen der Liquiditätsbeschaffung werden“ ist dessen Überzeugung. Die 15 bis 30-prozentigen Zuwachsraten in den letzten Jahren dürften laut Prenner nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Durchschnitt in Österreich mit zwei Prozent am BIP unter dem europäischen Durchschnitt von sechs Prozent liege.

Angst vor schlechtem Image

Warum Factoring in Österreich immer noch etwas unterbelichtet ist, begründet Xaver Frotzler unter anderem mit der Angst vor schlechtem Image: „Es besteht immer noch häufig die Angst, der Kunde könnte fragen „geht es Ihnen schon so schlecht, dass Sie das tun müssen?“ An sich sei diese Skepsis unbegründet und nehme ohnedies kontinuierlich ab, weiß Frotzler aus Erfahrung. Für VB-Factoring-Vorstand Herbert Auer hat die deutlich zunehmende Nachfrage auch Schattenseiten. Wohl habe man erwartet, dass heuer die Geschäfte anziehen, „so war es auch, aber von zehn potenziellen Kunden müssen wir acht abweisen.“ Diese Kunden hätten kein tragfähiges Konzept und bedeuten einen hohen Aufwand für wenig Ertrag. Rund 1.000 Factoringkunden gibt es nach seiner Einschätzung in Österreich. Das Handicap bei Großkunden laut Auer: „Kontrollbankkredite schließen Factoring aus.“ Was die Branche laut Auer bremst und ärgert, ist die Kreditsteuer von 0,8 Prozent bei Großkunden „das gibt es in Deutschland und Italien nicht.“ Und die Steuer würde manch potenziellen Großkunden in einer Größenordnung von 700 Mitarbeitern und Millionen-Umsätzen zurückschrecken lassen.

Factoring meint den Verkauf offener Forderungen aus Warenlieferungen und Dienstleistungen an die Factor-Gesellschaft. Dabei werden keine einzelnen Forderungen abgetreten, sondern mit der Factor-Gesellschaft ein Rahmenvertrag eingegangen, der sämtliche Forderungen umfasst. Dafür wird der Kunde eingehend geprüft. Rund 14 Tage dauert es laut Raiffeisen-Mann Prenner, bis eine solche Geschäftspartnerschaft unterschriftsreif ist. Ist die Partnerschaft einmal besiegelt, kann man Geld im Bedarfsfall auch innerhalb von zwei Stunden flüssig machen, wirft Prenner einen der größten Vorteile im Forderungskarussell als Argument in die Waagschale.

Schlechtes Preisimage

In der Praxis leitet der Factor-Kunde (K1) sofort nach Rechnungsstellung die Rechnung an den Factor weiter. Dessen Kunde (K2) muss die Zahlung dann an die Factor-Gesellschaft leisten. K1 erhält umgehend eine Anzahlung von 70-80 Prozent – das Ausmaß ist auch Verhandlungssache, denn nach längerer Zusammenarbeit sind die Factor-Banken auch bereit, bis zu 90 Prozent zu bevorschussen. Hat der Kunde 2 an die Factor-Bank bezahlt, erhält Kunde 1 den Restbetrag ausbezahlt. Gratis ist das alles selbstverständlich nicht, denn die Zinsen für die bevorschusste Summe und die Factoring-Gebühr werden abgezogen. Die Gebühren liegen zwischen 0,2 Prozent und zwei Prozent, der Factor-Zins für die Bevorschussung der Forderungen liegt bei den banküblichen Zinssätzen. Der Ruf teuer zu sein, habe viele potenzielle Interessenten in Österreich abgeschreckt, sich mit Factoring überhaupt zu befassen, sagt Unternehmensberater Frotzler. Allerdings könne sich die grundsätzliche Aussage Factoring sei teuer „durchaus auch als simpel falsch herausstellen.“ (Regina Bruckner)